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Leseprobe aus "Die Nestorianer oder Die
zehn Stämme"
von Asahel Grant (1843)
Copyright 2005 Verlag Hans-Jürgen Maurer
Vorwort zur Neuausgabe 2005
Wir leben in einer Zeit der Globalisierung und
internationalen Zusammenarbeit einerseits und enger, sich verhärtender
Strukturen des religiösen Fanatismus andererseits – keiner scheint bereit zu
sein, die Traditionen des anderen anzuerkennen und zu tolerieren. Neben allen
politischen und wirtschaftlichen Interessen ist die Unkenntnis der Geschichte
und Kultur, der Sitten und Bräuche, der Denk- und Lebensweise des jeweilig
anderen mit einer der Gründe für Mißverständnisse und Intoleranz.
Über Jahrhunderte war der Nahe Osten für den Westen fast
völlig unzugänglich. Wer ihn als Abenteurer, Kaufmann oder Missionar dennoch zu
betreten wagte, mußte um seine Gesundheit und sein Leben fürchten.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man im Westen die »Nestorianer«
neu entdeckt. Welch unglaubliche Schwierigkeiten und Gefahren ein Reisender zu
überwinden hatte, beschreibt der Verfasser des hier vorliegenden Buches, Dr.
Asahel Grant, ein Missionsarzt, eindrücklich und nüchtern zugleich. 1835 hatte
er im Auftrag der amerikanischen Foreign Mission zusammen mit seiner Frau und
einem weiteren Missionarsehepaar unter den syrisch sprechenden Christen, den
sogenannten »Nestorianern«, in Urmiah (Iran) eine Missionsstation1* gegründet.
Von dort aus versuchte Dr. Grant zu den »Bergnestorianern« vorzudringen, deren
Großteil im Hakkari-Gebiet in etwa 4000 Meter Höhe (heute: Grenzbereich der
Türkei, des Iran und des Irak) weitgehendst friedlich mit Kurden zusammenlebte.
Da sie von der Außenwelt völlig abgeschnitten waren, hatte kein Fremder je ihr
Gebiet betreten, und Dr. Grant war der erste, den sie 1841 willkommen hießen.
Von dieser Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit der
nestorianischen Bergdörfer berichtet fast ein Jahrhundert später auch George M.
Lamsa, Doktor der Theologie, der 1892 im Norden des Iraks in ein
christlich-assyrisches Nomadenvolk geboren wurde und 1917 in die USA gekommen
war. Den hier vorliegenden Bericht von Dr. Grant schien man vergessen zu haben,
denn als Dr. Lamsa davon sprach, daß sich in diesen Dörfern die Sitten und
Bräuche der Zeit Jesu, ja sogar die Muttersprache Jesu, das galiläische
Aramäisch, erhalten hätten, hielten ihn die Theologen seiner Zeit »für einen
Scharlatan, einen Lügner, aber keinesfalls für einen Syrer«. Wie Dr. Grant
berichtet auch Dr. Lamsa von in Estrangela-Schrift gehaltenen syrischen
Handschriften biblischer, namentlich neutestamentlicher Schriften, von deren
Existenz man im Westen bis dahin so gut wie nichts wußte.
Dr. Grant schildert aus der Perspektive des Missionars
Fakten, die Dr. Lamsa selbst erlebte. Auch er wurde z.B. als Erstgeborener von
seiner Mutter Gott geweiht, was ihm sein Leben lang bewußt blieb und nicht
zuletzt verborgener innerer Antrieb war für seine dreißig Jahre andauernde
Übersetzung der Bibel aus dem Aramäischen. Heute ist es allgemein anerkannt,
daß Aramäisch die Muttersprache Jesu war. Das, was der Autor mit »Syrisch«
bezeichnet, ist tatsächlich »Aramäisch«.
Möge dieses Buch dazu beitragen, die Menschen des zur Zeit
zerrissenen, von Krieg, Aufruhr und Aufständen gebeutelten und unter Fanatismus
leidenden Nahen Ostens besser zu verstehen und ihnen eher gerecht zu werden,
denn noch heute, wie vor 100 und 150 Jahren, sind sie den meisten Menschen des
Westens unverständlich und fremd.
Inhalt
Erstes Kapitel – S. 19
Nestorianische Mission. – Bedeutung eines Arztes. – Einschiffung. – Smyrna. –
Konstantinopel. – Schwarzes Meer. – Trebisonde. – Tebris. – Urumiah. –
Charakter der Nestorianer. – Die Mission. – Schilderung des Landes. –
Unabhängige Nestorianer. – Die Kurden.
Zweites Kapitel – S. 27
Ausführbarkeit eines Besuchs bei den Nestorianern des Gebirges. – Reise nach
Konstantinopel. – Sturm ihn den Gebirgen. – Reise nach Mesopotamien, Diarbakir
und Mardin. – Wunderbare Lebensrettung.
Drittes Kapitel – S. 34
Abreise von Mardin. – Ebene von Mesopotamien. – Mosul. - Ruinen von Ninive. –
Die Jeziden oder Teufelsanbeter.
Viertes Kapitel – S. 45
Schlachtfeld Alexanders. – Akra und seine Lage. – Empfang bei einem
Kurden-Häuptling. – Reise nach Amadieh.
Fünftes Kapitel – S. 54
Ankunft in Duri. – Besuch bei dem Bischof der Nestorianer. – Aussicht von den
Bergen. – Ankunft unter den unabhängigen Stämmen. – Merkwürdige Begebenheit. –
Freundliche Aufnahme.
Sechstes Kapitel – S. 62
Nestorianer. – Kirchen. – Gottesdienst. – Sonntag. – Sage. – Heilige Schrift. –
Fehde mit den Kurden. – Hirtenleben. – Hilfsquellen. – Sittengemälde. – Frauen.
Siebtes Kapitel – S. 73
Stege. – Schluchten. – Ärztliche Tätigkeit. – Straßen. – Ankunft bei dem
Patriarchen. – Freundlicher Empfang. – Der Patriarch. – Umgang mit ihm. – Altes
Schloß. – Weibliche Treue. – Kirchenregiment. – Familie des Patriarchen.
Achtes Kapitel – S. 81
Abreise. – Reise durch die Berge. – Besuch bei einem kurdischen Häuptling. –
Vorgänge in dem Schloß. – Ankunft in Urumiah. – Schreiben des Patriarchen. –
Rückkehr in die Gebirge. – Besuch in Djulamerk.
Neuntes Kapitel – S. 89
Gastfreundschaft des Volks. - Rückweg über Van. – Nacht in dem Tale. – Besuch
in kurdischen Dörfern. – Hirtenleben. – Schulz‘s Tod. – Van. – Zusammenkunft
mit dem Hakary-Häuptling. – Seine veränderten Verhältnisse. – Vorfall unter den
Kurden.
Zehntes Kapitel – S. 97
Die Gefangenschaft der zehn Stämme. – Die Geschichte hat sie aus dem Auge
verloren. – Sie sind noch nicht wieder gefunden. – Ihr Fortbestand höchst
wahrscheinlich. – Schwierigkeiten dieses Gegenstandes. – Seine Wichtigkeit.
Elftes Kapitel – S. 100
Bei den nestorianischen Christen vorhandene Überlieferung, daß sie von Israel
abstammen. – Sie seien aus Palästina gekommen. – Zeugnis der Juden und
Mohammedaner zu dieser Überlieferung.
Zwölftes Kapitel – S. 107
Die Gegenden, wohin die zehn Stämme abgeführt worden waren. – Dort finden sich
jetzt die nestorianischen Christen. – Nur wenige Juden sind daselbst.
Dreizehntes Kapitel – S. 111
Die zehn Stämme sind in Assyrien geblieben. – Beweise dafür. – Weissagungen der
Bibel.
Vierzehntes Kapitel – S. 114
Die Sprache der Nestorianer. – Sie ist die gleiche wie die der dort lebenden
Juden. – Daraus ergibt sich, daß sie aus Palästina und zwar dem
Zehn-Stämme-Reich eingewandert sind.
Fünfzehntes Kapitel – S. 118
Namen, die nestorianische Christen tragen. – Beni Israel. – Nazaräer. – Syrer.
– Chaldäer. – Gebrauch dieser Benennungen.
Sechzehntes Kapitel – S. 123
Befolgung des mosaischen Gesetzes. – Opfer. – Gelübde. – Erstlinge und Zehnten.
– Sabbat. – Ehrfurcht vor dem Heiligtum. – Unerlaubte Speisen. – Unreinsein. –
Absonderung der Frauen.
Siebzehntes Kapitel – S. 131
Gesichtszüge. – Namen. – Stämme. – Regierung. – Bluträcher. – Freistätten. –
Stimmung gegen die Juden. – Verschiedene Beweise dafür, daß sie ein
unvermischter Volksstamm sind.
Achtzehntes Kapitel – S. 138
Gesellschaft und häusliche Bräuche. – Begrüßung. – Gastfreundschaft. – Sorge
für die Armen. – Mahlzeiten. – Anzug. – Schmuck. – Verlobung und Hochzeit. –
Kinder. – Beschäftigung.
Neunzehntes Kapitel – S. 145
Die Bekehrung der zehn Stämme zum Christentum.
Zwanzigstes Kapitel – S. 148
Biblische Spuren von der Bekehrung der zehn Stämme.
Einundzwanzigstes Kapitel – S. 152
Biblische Weissagungen die zehn Stämme betreffend.
Anhang
Die Jeziden – S. 154
Die Missionen der Nestorianer – S. 159
Die Juden in Midian und Assyrien – S. 166
Nachtrag des Herausgebers – S. 170
Endnoten – S. 175
Karte – S. 187 u. 189
Erstes Kapitel
Nestorianische Mission. – Bedeutung eines Arztes. –
Einschiffung. – Smyrna. – Konstantinopel. – Schwarzes Meer. – Trebisonde. –
Tebris. – Urumiah. – Charakter der Nestorianer. – Die Mission. – Schilderung
des Landes. – Unabhängige Nestorianer. – Die Kurden.
Die nestorianischen Christen, die in der Geschichte der
Kirchen eine so bedeutende Stelle einnehmen, treten in unseren Tagen wieder aus
dem Dunkel hervor, das sie während einer Reihe von Jahrhunderten umhüllt und
den Augen der zivilisierten Welt entrückt hatte.
Die günstige Berichterstattung der Herren Smith und Dwight
über ihren Besuch bei den Nestorianern in Persien im Frühling des Jahres 1831
veranlaßte die amerikanische Missionsgesellschaft3, von der sie ausgegangen
waren, zu dem Entschluß, unter diesem denkwürdigen Zweige der urchristlichen
Kirche eine Mission anzulegen. Das Feld war neu, unbekannt, schwierig, aber es
eröffnete die verheißendsten Aussichten. Bei ihrem Jahresfeste, das im Oktober
1834 in Utica im Staate New York gefeiert wurde, sprach die
Missionsgesellschaft aufs überzeugendste und eindringlichste das Bedürfnis nach
einem geeigneten Arzt aus, der in die beginnende Arbeit dieser wichtigen
Mission eintreten sollte.
Man war überzeugt, daß der Beruf des Heilkundigen
leichteren Zugriff und größere Sicherheit gewähre, indem er die Reinheit
unserer Absichten von vornherein beweise; auch weiß jedermann, daß, wenn wir
die Leiden des Körpers heilen, wir uns dadurch den nächsten Weg zum Herzen
bahnen. Überdies hat ein Arzt Zutritt an Orte, die jedem anderen verschlossen
sind. Aber mehr als ein Jahr ging der Aufruf durch das ganze Land seiner Länge
und Breite nach, und doch fand sich kein Arzt, der ihm Folge leisten wollte.
Nun sah ich mich veranlaßt, einen wachsenden und
erfreulichen Wirkungskreis in Utica aufzugeben, und schon den folgenden
Frühling war ich mit meiner Gattin auf dem Wege nach Persien. Eine angenehme
Reise von 48 Tagen brachte uns nach Smyrna [Izmir, Anm. d. Hg.], wo einst eine
der sieben asiatischen Gemeinden geblüht hatte. Von dort brachte uns eines der
besten jener zahlreichen Dampfboote, die jetzt dem Orient eine so veränderte
Gestalt geben, nach Konstantinopel, der stolzen Hauptstadt der Türkei. Damals
durchzogen noch keine Dampfboote das stürmische Schwarze Meer, und in einem
kleinen, in Amerika gebauten englischen Schoner, der meist als Sklavenschiff
gedient hatte, wurden wir von den Winden nach dem Hafen von Trebisonde
hinuntergeschaukelt.
Von der Küste des schwarzen Meeres an wurde der Reitsattel
das einzige Reisemittel auf einer Strecke von 700 (englischen) Meilen über die
Berge und Ebenen von Armenien bis in die sonnigen Täler Persiens. Auf den
höheren Bergen fanden wir in dem Winkel eines Stalls Schutz vor Kälte und
Unwetter. An den grünen Gestaden des Euphrat und am Flusse des beeisten Ararat
ruhten wir unter dem Dach unseres Zeltes, während die Ballen und Kisten der
Kaufmannsware von den 700 Pferden und Maultieren, die unsere Karawane bildeten,
rings im Viereck aufgetürmt lagen und als provisorischer Wall gegen die
räuberischen Kurden dienten, die uns umgaben. Der Pascha von Erzerum hatte der
Karawane eine Bedeckung von bewaffneten Reitern mitgegeben, und die tiefe
Stille der Mitternacht unterbrach der Ruf der pflichtgetreuen Schildwachen, die
ihren Schlaf entbehrten, um den unsrigen zu sichern. Die fremden Sitten und
Bräuche des Morgenlandes und die 1000 neuen Dinge der alten Welt vertrieben uns
schnell die Zeit von 28 Tagen, die wir im langsamen Schritte einer
orientalischen Karawane abmaßen.
Am 5. Oktober 1835 erreichten wir Tebris, eine der
bedeutendsten Handelsstädte Persiens, und erfreuten uns des herrlichsten
Empfanges durch die wenigen englischen Bewohner und unsere geachteten
Arbeitsgenossen, des ehrw. Justinius Perkins und seiner Gattin, die vor uns
hier eingetroffen waren. Von Seiner Exzellenz, dem Herrn Ellis, britischer
Gesandter und außerordentlicher Abgeordneter beim Schah von Persien, mit dem
wir bereits in Trebisonde erfreuliche Bekanntschaft gemacht hatten, wurde uns
das freundlichste Anerbieten von Schutz und Hilfe zu Teil, und ich ergreife
diese Gelegenheit, des gleichen freundschaftlichen und unausgesetzten
Wohlwollens von Seiten seiner Nachfolger und anderer englischer Herren, mit
denen wir im Morgenlande zusammentrafen, anerkennende Erwähnung zu tun.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Tebris begab ich mich nach
Urumiah, um für unseren beabsichtigten Aufenthalt unter den Nestorianern dieser
Provinz die einleitenden Vorkehrungen zu treffen. Mein Beruf als Arzt
verschaffte mir die Gewogenheit des Gouverneurs und des Volkes im allgemeinen.
Bald war für angemessene Wohnungen gesorgt, und am 20. November kam mein
Arbeitsgenosse mit unseren Gattinnen nach. Wir begannen unsere Arbeit unter den
ermutigendsten Aussichten, die bis auf den gegenwärtigen Augenblick in nichts
getäuscht worden sind.
Kranke, Lahme und Blinde fanden sich von allen Seiten zu
Dutzenden und Hunderten ein, und das Gerücht erscholl in der ganzen umliegenden
Gegend. Wir wurden als allgemeine Wohltäter angesehen, und unsere Ankunft rief
eine ungeteilte Freude bei allem Volk hervor. Besonders die Nestorianer hießen
uns mit der größten Freundlichkeit und Zuneigung willkommen. Ihre Bischöfe und
Priester nahmen Platz an unserem Tisch, knieten mit uns bei unserer
Hausandacht, nahmen Belehrung mit kindlicher Empfänglichkeit an und verwandten
ihren ganzen Einfluß, um uns in unserer Arbeit an ihrem Volk zu unterstützen.
Sie betrachteten uns als ihre Mitgehilfen in dem notwendigen Werk der Belehrung
und Belebung und sahen in uns nicht Leute, die sie herabsetzen und ihre Stelle
einnehmen wollten. Wir waren gekommen, nicht um niederzureißen, sondern um
aufzubauen, Erkenntnis und Frömmigkeit zu fördern, und nicht gegen ihre Sitten
und Bräuche anzukämpfen.
Ihr Charakter, wie wir ihn kennenlernten, machte uns viel
Hoffnung. Sie haben die größte Ehrerbietung vor der Heiligen Schrift und
wünschen, sie unter dem Volke in einer jedermann verständlichen Sprache
verbreitet zu sehen. Gegen andere Kirchenparteien waren sie im Urteilen
schonend und billig. In ihren religiösen Bräuchen sind sie einfacher und
schriftmäßiger als die römischen Katholiken und andere orientalische Kirchen.
Sie verwerfen den Bilderdienst, die Ohrenbeichte, die Lehre von Fegefeuer und
stehen daher in vielen Stücken mit den Protestanten auf gleichem Grund und
Boden, so daß man sie, gar nicht unpassend, die asiatischen Protestanten
genannt hat.
Im Ganzen und als Volk sind sie jedoch in Unwissenheit und
Aberglauben eingehüllt. Niemand als die Geistlichen kann lesen und schreiben.
Für die Erziehung des weiblichen Geschlechtes wird nicht das mindeste getan.
Ihren zahlreichen Fast- und Festtagen legen sie größere Bedeutung bei als der
Reinheit ihres Herzens und Lebens. Doch gibt es einzelne, die noch ein
exemplarisches Leben zu führen scheinen und die über die Versunkenheit ihres
Volkes seufzen. Wir können nicht anders, als der Hoffnung Raum geben, daß von
der ersten Zeit der Kirche her der Funke lebendiger Frömmigkeit nicht bei ihnen
erloschen ist und daß er bald in lichter Flamme neu aufgehen wird.
Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwunderlich, daß
wir unsere Tätigkeit ohne einen Schatten von Widerstand auf seiten der
Geistlichkeit und des Volkes entfalten konnten.
Zwölf bis fünfzehn Freischulen sind in den Dörfern der
Ebene eröffnet, ein Seminar und eine Kostschule für Mädchen in den
Missions-Wohnungen in der Stadt errichtet und beträchtliche Teile der heiligen
Schrift in die Umgangssprache der Nestorianer neu übersetzt worden. Für die
Predigt des Evangeliums und unsere Sonntagsschulen haben sie uns ihre Kirchen
geöffnet. National-Gehilfen sollen aufgestellt und zweckmäßig eingesetzt
werden. Unsere Mission hat aus Amerika Verstärkung erhalten, und eine
Druckerpresse mit der nötigen Schrift ist nachgesandt worden.
Der ehrw. A.L. Holladay und Herr William R. Stocking kamen
mit ihren Gattinnen den 6. Juni 1837 an; der ehrw. Willard Jones und Gattin am
7. November 1839; der ehrw. A.H. Wright, Med. Dr., am 25. Juli 1840, und Herr.
Edward Breath, Buchdrucker, hat sich mit einer Presse eingeschifft, die so
eingerichtet ist, daß sie von der Küste des Schwarzen Meeres bis Urumiah auf
Pferden transportiert werden kann.
Die Provinz Urumiah, in der diese Missionstätigkeit
entfaltet worden ist, umfaßt einen bedeutenden Teil des jetzigen Königreichs
Persien. Im Westen ist sie durch eine hohe Kette Schneeberge von dem alten
Assyrien oder dem eigentlichen Kurdistan getrennt, im Osten liegt vor ihr der
schöne See gleichen Namens, in einer Länge von etwa 80 und einer Breite von 30
(englischen) Meilen. Das Wasser des Urumiah-Sees ist so salzig, daß keine
Fische darin leben können. An seinen Ufern leben zahlreiche Wasservögel, unter
denen sich die prächtigen Flamingos auszeichnen, die bisweilen das Gestade
meilenlang bedecken.
Zwischen den Bergen und dem See dehnt sich eine Ebene von
außerordentlicher Fruchtbarkeit aus, mit einer Fläche von ungefähr 500
Quadratmeilen, die nicht weniger als 300 größeren und kleineren Dörfern Nahrung
gibt. Sie ist mit dem üppigsten Grün bedeckt, mit Fruchtfeldern, Gärten und
Weinpflanzungen, und aus den benachbarten Bergen fließen ihr die klarsten
Wasser in bedeutender Menge zu.
Die Landschaft ist eine der lieblichsten des Morgenlandes.
Die Wirkung dieser außerordentlichen Fruchtbarkeit der Ebene wird für das Auge
durch den öden Anblick der sie umgebenden Berghöhen erhöht, auf denen nicht ein
einziger Baum zu sehen ist, während in der Ebene Weiden, Pappeln und Sycamoren
entlang der Bäche, und streckenweise Pfirsich-, Aprikosen-, Birn-, Pflaumen-,
Kirsch-, Quitten-, Apfelbäume und Weinreben einen reichen, bunten Wald bilden.
Beinahe in der Mitte der Ebene liegt die alte Stadt
Urumiah mit einer Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, meist Muslime. Sie ist von
einem Wall und Graben von fast 4 Meilen im Umfang umgeben. In geringer
Entfernung erhebt sich östlich der Stadt ein alter Wall zu der Höhe von 70 oder
80 Fuß. Der Sage nach stand an dieser Stelle der Tempel, in dem in alter Zeit
Zoroaster sein heiliges Feuer angezündet und vor dem Himmelsheer seine Knie
gebeugt hatte.
Das Klima ist im allgemeinen sehr angenehm, doch erzeugt
sich aus Ursachen der Örtlichkeit ein giftiges Miasma, das Fieber und die
verschiedenen Übel der Malaria nach sich zieht. Diesen Krankheiten ist der an
das Klima nicht gewöhnte Fremdling am meisten ausgesetzt, und unsere
Missionsfamilie hat darunter viel zu leiden gehabt. Meine teure Gattin war das
erste Opfer des Klimas. Ihr sanftes und seliges Ende besiegelte die Wahrheiten,
die sie während ihres kurzen, aber begebnisreichen Lebens in lebendigem Glauben
gelehrt und geübt hatte. Sie ging ein zu ihrer Ruhe am 12. Januar 1839. Ihre
beiden Zwillingstöchterlein ruhen an ihrer Seite auf dem Friedhof der alten
nestorianischen Kirche in Urumiah.
Im Februar desselben Jahres erhielt ich von der
Missionsgesellschaft den Auftrag, nach Mesopotamien vorzugehen und eine Station
unter den Nestorianern zu errichten, von denen angenommen wurde, daß sie im
Westen der Hauptgebirge von Kurdistan wohnen. Auf diese Weise hoffte man, sich
zu dem Kern der Nestorianer einen sicheren Zutritt zu bahnen, zu den im
Mittelpunkt des alten Assyriens in den unzugänglichsten Teilen der kurdischen
Gebirge hausenden unabhängigen Stämmen. Ich hatte längst diese Stämme des
Gebirges als das eigentliche Feld unserer künftigen Tätigkeit betrachtet. Sie
bilden den Kern der nestorianischen Kirche, und es schien von größter
Wichtigkeit, ihnen selbst das Licht nahezubringen, ehe sie beunruhigt würden
durch die Nachricht, daß unter ihren Brüdern auf der Ebene Veränderungen
vorgehen. Der Weg zu ihnen schien aber durch die wilden Kurden ringsum
versperrt. Überall sind sie von denen umgeben, die auf verräterische Weise
Herrn Schultz ermordeten, den einzigen Europäer, der den Versuch gewagte hatte,
zu den nestorianischen Stämmen vorzudringen.
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