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Leseprobe aus "Christen und
Muslime"
von William Stoddart
Copyright 2009 Verlag Hans-Jürgen Maurer
Inhalt
EINFÜHRUNG
1. Haltungen 9
2. Die Notwendigkeit der Orthodoxie 11
3. Der absteigende Zyklus 14
CHRISTLICHE HALTUNGEN GEGENÜBER DEM ISLAM
Die Evangelien und die Apostelgeschichte
Grundlegende Prinzipien und Richtlinien 22
Die Jungfrau Maria
Das Haus zu Ephesus (Meryem Ana Evi) 26
Römisch-katholische Christen
Päpste
Papst Pius XI. (1857–1939) 30
Papst Pius XII. (1876–1959) 30
Kardinäle
Nikolaus von Kues (1401–1464) 31
Kardinal Tisserant (1884–1972) 32
Bischöfe
Die römisch-katholischen Bischöfe von Nigeria
(1960) 32
Der Bischof von Gerona (gest. 954) und
Prinz Al-Hakam (gest. 976) 33
Der Bischof von Tripolis 35
Mönche
Adelhard von Bath (12. Jahrhundert) 41
Der Mönch und der Kalif
(Johannes von Görtz, 10. Jahrhundert) 41
Könige und Ritter
Sizilien zur Zeit der Normannen (ca. 1070–1200) 52
Die Templer 56
Östliche Christen
Bahirâ (syrischer Mönch, 6.
Jahrhundert) 60
Der nestorianische Patriarch Ischo-Jab III.
(regierte von 649 bis 660) 63
Der griechische Patriarch Michael III
(regierte von 1169 bis 1177) 63
Die Kopten 64
Die Mönche vom Berg Athos 64
Protestantische Christen
Erfahrungen eines Calvinisten mit dem Islam 66
Professor A. J. Arberry (1905–1969) 68
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) 70
Minister
Colonel Juan Beigbeder, Außenminister von Spanien 72
Erzähler von Anekdoten
Schwester Mary Campion 74
Jerusalem, 1934 und 1937, von Eric Gill (1882–1940) 78
MUSLIMISCHE HALTUNGEN GEGENÜBER DEM CHRISTENTUM
Der Koran
Koranverse, die das Christentum
und die Christen betreffen 84
Mohammed (570–632)
Einige Aussprüche des Propheten Mohammed
zum Christentum 88
Mohammed beschützt die Ikone der
Heiligen Jungfrau mit dem Kind 89
Ein Brief Mohammeds 90
Die vier rechtgeleiteten Kalifen
Die frühen Kalifen 92
Der Kalif Omar (581–644) 92
Die Sufis
Ibrahîm ibn Adham (gest. 777) 94
Ibn Arabî (1165–1240) 95
Rûmî (1207–1273) 97
Al-Ghazâlî (1058–1111) 98
Der Emir Abd al-Qâdir (1808–1883) 99
Mulay Alî ad-Darqâwî (20. Jahrhundert) 100
Ahmad al-cAlawî (1869–1934) 101
Sultane und Heilige
Abu Walîd (11. Jahrhundert) 103
Ibn Ahmar (13. Jahrhundert) 107
Der Sultan von Ägypten und das maurische Spanien,
Besuche des heiligen Franziskus von Assisi (1182–1226) 108
Saladin (1137–1193) 110
Der Kalif von Damaskus und der heilige
Johannes von Damaskus (676–ca. 754) 114
Der Emir in der Türkei und der
heilige Gregor Palamas (1296–1359) 114
Der Herrscher von Tunesien und Ludwig der Heilige,
König von Frankreich (1214–1270) 115
König Mohammed V. von Marokko (1909–1961) 115
Historiker
Ernst Kühnel (1882–1964) 116
Gustave Le Bon (1841–1931) 118
Duncan Townson 119
Titus Burckhardt (1908–1984) 121
Evangelos Papaioannou:
Katharinenkloster, Berg Sinai 122
ABBILDUNGEN 124
EINFÜHRUNG
1. HALTUNGEN
Die schrecklichen Geschehnisse und Entwicklungen der
vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass die Menschen in der westlichen Welt,
eigentlich zum ersten Mal, fragen: Welche Art von Religion ist der Islam? Jene
Menschen, die eine positive Haltung einnehmen, antworten darauf, der Islam sei
„eine Religion des Friedens“. Ja, natürlich, und das Gleiche gilt auch für alle
anderen Religionen, wobei wir aber nicht vergessen dürfen, dass Christus sagte:
„Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“, und dass
in jeder Religion eine ähnliche Aussage vorhanden ist.
Weitaus bedeutsamer ist es, dass jede Religion von sich
behauptet, „eine Religion der Wahrheit“ zu sein. Nach den Worten Christi „wird
euch die Wahrheit frei machen“. Somit stellt jede Religion zwei grundlegende
Behauptungen auf, nämlich zum einen, Verkünder der Wahrheit zu sein, und zum
anderen, Heilsmittel zu sein. Wäre dem nicht so, hätten wir es nicht mit einer
Religion zu tun, sondern mit einer menschengemachten Ideologie, die keine Seele
retten könnte. „Wahrheit“ und „Heilsmittel“ sind die Wesensmerkmale einer
Religion.
Das Christentum sollte den Menschen, die in der westlichen
Welt geboren oder aufgewachsen sind, hinlänglich bekannt sein – obwohl man dies
heute nicht mehr als gegeben voraussetzen kann. Was den Islam anbetrifft, wird
er von den sogenannten „fünf Säulen“ getragen: Glaube, Gebet, Fasten,
Almosengeben und Pilgerfahrt. Der Glaube (imân), dass „es keinen Gott gibt,
außer Gott“; das Gebet (salât) fünfmal am Tag; das Fasten (saum) während des
heiligen Monats Ramadan; das Almosengeben (zakât) „an die Armen, die Witwen und
die Waisen“ und die Pilgerfahrt (hajj) – einmal im Leben, sofern man dazu in
der Lage ist – zur Kaaba, zum Hause Gottes (mit dem Schwarzen Stein) in Mekka.
Wenn wir im christlichen Westen unsere Haltung gegenüber
dem Islam bestimmen wollen, sollten wir uns eingehend mit den Aussagen und
Einstellungen beschäftigen, die wir in den heiligen Schriften beider Religionen
und bei ihren Vertretern (gelehrten und weniger gelehrten, früherer und
heutiger Zeit) über ihre Beziehung finden. Mutatis mutandis täten Muslime gut
daran, das Gleiche zu tun. Dies allein kann zu dem grundlegenden Wissen führen,
das die Voraussetzung für ein tiefergehendes Verständnis ist.
Die im Folgenden angeführten Zitate wurden ausschließlich
aus Quellen gewählt, die die betreffende Religion oder die Glaubensrichtung
überlieferungstreu darstellen, oder die sich ausschließlich auf vor der Neuzeit
bestehende Formen der betreffenden Religion oder Konfession beziehen. Der Grund
dafür ist, dass moderne Formen der Religion – die heute allgegenwärtig sind –
subjektiv, willkürlich und veränderlich sind und der Autorität und
Dauerhaftigkeit ermangeln, die jede wahre Religion kennzeichnen.
Zweck dieser Sammlung ist es, Menschen guten Willens
einige der überlieferten Geisteshaltungen und Erklärungen des Christentums
gegenüber dem Islam und des Islam gegenüber dem Christentum zugänglich zu
machen.
2. DIE NOTWENDIGKEIT DER ORTHODOXIE
Die Bedeutung des Begriffs „Orthodoxie“* ist heute fast
völlig verlorengegangen. Zumeist wird in diesem Begriff nicht mehr gesehen als
eine Form von Intoleranz: Eine bestimmte Gruppe von Menschen versucht, anderen
Menschen ihre Ansichten aufzudrängen. Es ist in diesem Zusammenhang jedoch
sinnvoll, sich den ersten Grundsatz des Achtfachen Pfades des Buddhismus ins
Gedächtnis zu rufen, nämlich „rechte Ansichten“ oder „rechtes Denken“. Es ist
offensichtlich, warum „rechtem Denken“ der höchste Rang gebührt, denn es geht
logisch und praktisch dem „rechten Handeln“ voraus. Und welches (aus dem
Griechischen abgeleitete) Wort hat die Bedeutung „rechtes Denken“? Eben
„Orthodoxie“. …
Päpste
Papst Pius XI. (1857–1939)
Die folgenden Worte wurden von Papst Pius XI. gesprochen,
als er seinen apostolischen Gesandten 1934 nach Libyen schickte:
Glauben Sie nicht, dass Sie zu den Ungläubigen reisen.
Muslime erlangen das Heil. Die Wege der Vorsehung sind unendlich.
L’Ultima (Florenz), Anno VIII, 1934
*
* *
Papst Pius XII. (1876–1959)
In den 1950er-Jahren erklärte Pius XII:
Wie tröstlich ist es für mich zu wissen, dass sich überall
in der Welt Millionen von Menschen, fünf Mal am Tag, vor Gott verneigen.
Nikolaus von Kues, Kardinal von St. Pierre-aux-Liens
(1401–1464)
Den verschiedenen Religionsgemeinschaften hast du zu
verschiedenen Zeiten unterschiedliche Propheten und Lehrer geschickt. Nun ist
es typisch menschlich, dass man eine alte Gewohnheit, die einem in Fleisch und
Blut übergegangen ist, für die Wahrheit hält und sie entsprechend verteidigt.
Nicht wenige Konflikte entstehen dadurch, dass eine Gemeinschaft ihren Glauben
für besser hält als den der anderen.
Dann werden alle erkennen, dass es trotz der verschiedenen
Formen des Gottesdienstes nur eine einzige Religion gibt. Die verschiedenen
Formen zu vereinheitlichen ist weder möglich noch wünschenswert. Denn dadurch
kümmert sich ja jedes Volk besonders hingebungsvoll um seine eigenen Bräuche,
weil es denkt, gerade diese seien dir die liebsten. Doch wie du ein Einziger
bist, soll es auch nur eine einzige Religion geben, in welcher der Eine,
Einzige angebetet wird.
Aus De Pace Fidei, 1 (1450) Vom Frieden zwischen den
Religionen, Insel Verlag, Frankfurt 2002, Seite 33–37.
…
Ein Brief
Mohammeds
Im Jahre 628
sandte Mohammed einen Brief, der die Mönche des Katharinenklosters auf dem Berg
Sinai schützen sollte. Der Brief enthält die dem Kloster gewährten Rechte, vor
allem Freiheit der Glaubensausübung, das Recht, Eigentum zu besitzen und zu
bewahren, Schutz der Christen und ihr Recht, im Krieg beschützt zu werden.
Der Wortlaut
des Briefes ist wie folgt:
Dies ist eine
Botschaft von Mohammed ibn Abdullah, in der wir allen, die sich zum Christentum
bekennen, sei es nah oder fern, versichern, dass wir mit ihnen sind. Wahrlich,
ich, die Diener, die Helfer und meine Anhänger verteidigen sie, denn die
Christen sind meine Bürger; und bei Gott, ich werde alles von ihnen fernhalten,
das ihnen missfällt. Weder sollen ihre Richter von ihren Posten entfernt werden
noch ihre Mönche von ihren Klöstern. Niemand soll ein Haus ihrer Religion
zerstören, es beschädigen oder irgendetwas daraus entfernen und es zu den
Häusern der Muslime tragen. Sollte jemand etwas von ihnen entwenden, würde er
den Bund Gottes entweihen und er wäre seinem Propheten ungehorsam. Wahrlich,
sie sind meine Verbündeten und sie seien geschützt gegen alles, was ihnen
verhasst ist. Niemand soll sie nötigen wegzuziehen oder sie verpflichten zu
kämpfen. Die Muslime sollen für sie kämpfen. Wird eine christliche Frau mit
einem Muslim verheiratet, soll dies nicht ohne ihre Einwilligung geschehen. Sie
soll nicht am Besuch ihrer Kirche gehindert werden. Ihre Kirchen sind zu
achten. Man soll die Christen nicht daran hindern, sie auszubessern. Ihre Bünde
sind uns heilig. Kein Muslim soll diesen Bund brechen bis zum Ende aller
Zeiten. (Siehe auch Seite 122)
Das Original
dieses Briefes gelangte in den Besitz des osmanischen Sultans Salîm I. und
wird im Topkapı-Museum in Istanbul aufbewahrt.
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