Zeugnis einer entschwundenen Welt
Die Wiederentdeckung
dieses fast vergessenen Buches des dänischen Publizisten und Anthroposophen
Carl Vett ist ein Glücksfall, denn es beschreibt eine Welt, die nicht mehr
existiert.
»Vor etwa sieben Jahren lebte ich in
Konstantinopel und erlangte 1925 … als erster Nichtmuslim die Erlaubnis, in
einem Tekké – und zwar der Naqshbandi-Derwische – eine Zeitlang als
Ordensbruder zu leben. Durch vieljährige Studien waren mir die Phänomene der
Parapsychologie bekannt; so lag mir daran, die ekstatischen Zustände der
Derwische unter den Initiationsvorgängen zu studieren, denn die Geheimorden des
Islam sind Initiationsschulen.
Während und vor diesem Aufenthalt wurde ein
Tagebuch geführt, das eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.
Aber nach den letzten traurigen Ereignissen in der Türkei, wo vor kurzem (im
Februar 1931) in Menemen 29 Todesurteile vollstreckt wurden, hauptsächlich
unter Angehörigen des genannten Ordens, von denen damals einige mit mir – unter
Führerschaft des alten Scheichs Essad – im Kloster lebten, meine ich, daß meine
damaligen Erfahrungen auch für weitere Kreise von Interesse sein könnten, und
so entschied ich mich für eine Veröffentlichung.«
(Aus dem Vorwort
des Autors)
Die Gespräche und
Debatten zwischen Scheich Essad Efendi und Carl Vett sind erfüllt von Weisheit
und Tiefe. Sie atmen die Überzeugung, dass nur die Brüderlichkeit der Kulturen
der Welt eine Zukunftsperspektive gibt. Trotz der Fremdartigkeit der äußeren
Religionsausübung der Sufis gelingt es Carl Vett, die innere Ähnlichkeit
zwischen dem mystischen Weg des Islam und der westlichen Esoterik (in diesem
Falle der Anthroposophie) darzustellen – ohne jedoch die Unterschiede in
Ansicht und Mentalität zu übergehen.
Selbst über 70 Jahre nach
seiner Erstveröffentlichung ist dieses Buch eine wertvolle Lektüre für
Menschen, die sich für den islamischen Aspekt des mystischen Menschheitserbes
interessieren, denn Carl Vett versteht es, die muslimische und die
anthroposophische Glaubenswelt höchst lebendig und nachvollziehbar
darzustellen. Ein Einblick in muslimisches Ordensleben und ein Plädoyer für die
Brüderlichkeit zwischen den Kulturen.
Zur Leseprobe
Carl Vett, *1871
Århus/Dänemark, † 1956 Rom/ Italien
Carl Vetts Vater war Mitgründer von
Dänemark größtem Kaufhaus in Kopenhagen, dem "Magasin du Nord", das heute noch
existiert.
Carl Vett war verheiratet und hatte zwei Töchter. Er war nicht nur ein
erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch Weltreisender, Publizist, Übersetzer
und Mäzen für viele kulturelle und soziale Projekte. Carl Vetts Hauptinteresse
galt dem Weltfrieden und Brüderlichkeit, wovon dieses Buch lebhaftes Zeugnis
gibt. Eine zeitlang korrespondierte er mit Mahatma Gandhi.
Vett war enger Freund Rudolf Steiners
und übersetzte einige Bücher desselben ins Dänische. Zwischen 1923 und 1935
organisierte er fünf internationale Kongresse für Metaphysik, die in
Kopenhagen, Oslo, Warschau, Paris und Athen stattfanden und die von Experten
aus bis zu 16 Nationen besucht wurden.
In den 1930er-Jahren führte Vett Rudolf
Steiners biodynamische Landwirtschaft in Dänemark ein. In den späten
1930er-Jahren zog Carl Vett nach Kalifornien, wo er ca. 14 Jahre verbrachte.
Auch hier war seine Hauptbeschäftigung die Einführung der biodynamischen
Landwirtschaft entlang der amerikanischen und mexikanischen Westküste.
Am 1. Februar 1956 verstarb Carl Vett
in Rom. Die Hälfte seiner Asche wurde in Dänemark ins Meer gestreut. Die andere
Hälfte der Asche ruhte in einer Urne in Rudolf Steiners Goetheanum in Dornach/Schweiz,
wo sie 1989 im Anthroposophischen Gedenkhain beigesetzt wurde.